For our 2012 january issues René Hamann contributed a shortstory in 4 parts - one for every issue - read the hole story in original language here.
PART ONE
–
Gegen Mittag rief ich in der Redaktion an. Ich solle vorbeikommen, hieß es, es gebe einen neuen Auftrag. Ich machte mich umgehend auf den Weg.
Über den Landwehrkanal zogen Dohlenschwärme. Der Winter war seit Wochen stehen geblieben. Seit Wochen, seit Monaten gab es kein Sonnenlicht, sondern nur die Millionen Facetten eines Graus, das sich morgens aus dem Schwarz ergab, in das es abends wieder zurück sank. Ein schneefreier, grauer Winter in Berlin. Ich zog mich tiefer in meinen Mantel zurück; man könnte sagen, es war ein Trenchcoat. Wie im Klischee. Nur mit Innenfutter.
Im Zeitungsgebäude ging es ebenso graue Stufen hinauf. In den Redaktionsräumen herrschte Konzentration. Raumelemente, Lärmschutzwände, das Büromedium Internet. Leise schnarrten die Ventilatoren der Rechner vor sich hin. Gelegentlich quietschte ein Schreibtischstuhl. An der Trennwand zwischen der Redakteurin und der Abteilung Sport hing ein Bild von Modigliani. Eine Frau mit schiefer Kopfhaltung auf einem Stuhl. In einem schwarzen Kleid. Ich sog etwas von der trockenen Büroluft ein und setzte mich.
"Du hast einen Artikel über die Modemafia geschrieben", fing die Redakteurin an. Sie roch undefinierbar frisch. Ihre grünen Augen glänzten hinter einem neuen, etwas zu eckigen Gestell.
"Modemafia, ja", sagte ich.
"Der Fall zieht Kreise", holte sie jetzt den nächsten Satz aus dem Schrank. "Die Polizei kennt die Hintergründe nicht, die Drahtzieher, die Macher, aber ich glaube, du könntest sie herausfinden. Ich will die Namen", sagte sie und strahlte mich von einem Gymnastikball aus an. Hinter ihrem Schreibtisch hüpfte sie darauf leicht auf und ab.
Namen, dachte ich. Hatte ich nicht eben noch eine Beziehung zu einer jungen Schauspielerin für einen Artikel über sie aufgegeben? Weil ich ihren Namen genannt hatte und durchblicken ließ, woran sie gerade arbeitete? Das Private, das Öffentliche. Sie war jedenfalls gar nicht begeistert gewesen, Details aus ihrem Liebesleben und ihrem Verhältnis zu Regisseur, Team und Set am anderen Tag in der Zeitung zu lesen. Da half es auch nicht, ihr zu erklären, dass daraus meine Existenz bestünde: aus Text. Alles, was ich erlebe, ist potenzielles Material, hatte ich ihr erklärt. Sie brach den Kontakt ab. Schade um die Filme, um die Gelegenheiten, schade um das Nachleben einer Monroe/Miller- oder Seberg/Gary-Konstellation.







